Mit der neuen S-Klasse von Mercedes-Benz möchten der Stuttgarter Automobilkonzern erneut abliefern: nicht nur beste Technik, sondern vor allen Luxus und Raumgefühl. Wir haben uns das neueste Spitzenmodell der meistgekauftesten Luxuslimousine der Welt vorab angesehen – mit erster Sitzprobe.

Beim ersten Blick auf die neue S-Klasse bleiben die Augen zuerst am vergrößerten Grill in Kombination mit den nun kleiner ausgelegten Frontscheinwerfern hängen. Relativ unauffällig und gut positioniert sind die optionalen Lidar-Sensoren an der Front.

Bei der seitlichen Ansicht fallen zuerst die (optionalen) versenkbaren Türgriffe auf, wie auch die maximal 21″ großen und flächenbündigen Radsätzen. Mit Blick auf das Heckdesign fallen die zweiteiligen Rückleuchten auf, wie auch die Auspuffblenden (weiterhin nicht funktionell bei den Diesel-Varianten).

Doch die neue S-Klasse in der neuen Baureihe 223 ist mehr, als man auf den ersten Blick bei der Optik im Exterieur erkennen kann – und das zeigt auch die umfangreiche 81-seitige Presseinformation, die man den Journalisten dazu zur Hand gibt. Aber von vorne, zumindest versuchen wir dies – viele Punkte müssen wir aber doch auf den späteren Fahrtest verschieben.

Schon alleine die Fakten zur neuen Generation der Oberklasse mit Stern sprechen für sich: hier spricht man nicht nur von einen bis zu 1,9 Meter verringerten Wendekreis  dank neuer Hinterachslenkung, oder den 30 Lautsprecher sowie acht Körperschwallwandler (Exciter im Sitz!) der neuen Burmester High-End 4D-Surround Soundanlage, sondern auch von bis zu 19 Motoren pro Sitzplatz, die für Verstellung, Massage, Lüftung und Lordosenstütze, wie auch für den Bildschirm der Rückseite zuständig sind.  Man merkt schnell: genau da, wo man im Grunde nichts sieht, verstecken sich oftmals die meisten Details.

Digital Light optional

Im Exterieur bleibt unser Blick am optionalen DIGITAL LIGHT hängen, das pro Fahrzeug nun eine Auflösung von über 2,6 Millionen Pixel bietet. Hier vermerken wir uns unseren ersten Punkt für eine notwendige Testfahrt, die wir hoffentlich noch vor Markteinführung im Dezember absolvieren können. Dabei soll das Licht ganz neue Assistenzfunktionen bieten, die man bislang nur für eine Kleinserie von Maybach angeboten hatte. Serie bei der S-Klasse bleibt aber weiterhin das Multibeam LED. Am Heck serienmäßig sind nun Heckleuchten mit animierten Funktionen verbaut, u.a. mit “wischender” Blinkfunktion.

Flächenbündige Türgriffe 

Bei der Seitenansicht zeigen sich beim bereitgestellten Modell in Sindelfingen die optionalen flächenbündigen Türgriffe, die auf der Türinnenseite besser abgedichtet sind als konventionelle Konstruktionen. Die Griffe fahren elektrisch aus, sobald sich der Fahrer mit Schlüssel nähert, oder dieser über die Außenfläche des Griffs streicht. Bei Nicht-Gebrauch sowie während der Fahrt sind die Griffe eingefahren und schließen bündig ab. Zum Öffnen der Tür ist es dabei sogar ausreichend, den Griff nur leicht zu ziehen, zumal das Türschloss sogar elektromotorisch unterstützt geöffnet wird. Interessantes Detail dazu: das Rohbau-Türteil ist identisch, unabhängig welche Griffvariante bestellt wird. Die übliche Komfortschließung bzw. Softclose der Türen gibt es  natürlich weiterhin.

Innenraum soll Wohlfühlambiente mit Lounge-Charakter bieten

Beim Blick in das Interieur nehmen wir auf den neuen Sitzen der S-Klasse Platz, um gewohnt mittels elektrischer Sitzverstellung unsere ideale Sitzposition einzustellen. Den markentypischen Sitzverstellschalter in Form eines stilisierten Sitzes hat man hierzu grundlegend neugestaltet und mittels Zierteil vereint. Die Umrisse des Schalters werden beleuchtet, wobei die Bedienung der nun schlankeren Knöpfe gut von der Hand geht – aber für uns doch kurz ungewohnt ist. Einen neuen Platz in der Tür hat auch der  Fahrlichtschalter gefunden, der nun deutlich sichtbar bedient werden kann.

Die angebotene Sitzlogik für den Fond bleibt identisch zum Vorgänger. Neu ist hier i.V.m. dem Wärmekomfort-Paket das beheizbare Kopfkissen im Fond, wobei die Stromzufuhr geschickt mittels Magnettechnik erfolgt. Die Flächenheizung wird dazu weiterhin angeboten, wobei die Flächen in den Türen erweitert worden ist.

Wer statt der serienmäßigen Lederpolsterung nun doch Stoff wünscht, kann dies nun auch außerhalb der Preisliste über das Center of Excellence ab Werk gegen Aufpreis erhalten. Der Dynamica Himmel ist Teil des Designo Pakets, ist aber auch als Einzelposition erhältlich.

Ein fast noch unbekanntes Highlight: das 3D-Fahrer Display

Während viele Medien vorab rein um das neue, durchaus präsente Zentral-Display im Fahrzeug berichtet hatten, blieben unsere Augen beim Fahrerdisplay – dem 3D-Fahrer-Display – hängen, welches man in vier Anzeigestilen und drei Modi (Navigation, Assistenz und Service) individualisieren kann. Der im Kopf vorhandene Vergleich des “Actros-Display” in der S-Klasse hatten wir hier aber schnell verworfen, zumal die Form wohl ähnlich ist, die genutzte Technik aber gänzlich unterschiedlich. Das, was wir vorab bei Fotos als “Rote Punkte” in der Mitte des Displays nicht genauer deuten konnten, wurde uns vor Ort als Stereokamerasystem erklärt.

Das neuartige autosteroskopische Display ist eine Kombination von LCD-Display mit spezieller Pixel-Pixelstruktur und einer steuerbaren LCD Streifenmaske.  Die integrierte Stereokamera ermittelt die Bestimmung der Augenposition  mittels “Eyetracking”. Kurzum: durch die Technik entsteht so ein 3D-Effekt, der selbst die Navigationskarte mit einer räumlichen Tiefe darstellen kann. Die optionale Funktion, die bei uns problemlos funktionierte, hat uns überrascht. Was nicht funktioniert, ist die Funktion zu fotografieren oder filmerisch festzuhalten.

Burmester High-End 4D-Surround Soundsystem mit 1.750 Watt und 31 Lautsprechern

Stolz ist man auch auf das neue Burmester High-End 4D-Surround-Soundsystem mit 31 Lautsprechern, darunter zwei Frontbass-Versionen und acht Körperschallwandler (sogenannte Exciter). Dabei sind je Sitzplatz zwei Exciter unsichtbar (aber ertastbar) in die Rückenlehne integriert, was die direkte Wiedergabe des Körperschalls in den Sitzen ergänzt und das dreidimensionale Hörerlebnis um den 4D-Sound erweitert. Die fühlbare Intensität kann dabei pro Sitzplatz individuell eingestellt werden. Zusätzlich wird die Funktion auch von ENERGIZING COMFORT genutzt, in den Frontsitzen aber auch für Infos des Infotainmentsystems für Navigationsansagen oder Telefonie  (Drivertainment System).

Neu ist die Klangpersonalisierung: hier kann der Nutzer des Soundsystem anhand von Testsounds seinen individuellen Hörgewohnheiten anpassen, was im eigenen Soundset gespeichert und im Userprofil hinterlegt wird. Ideal für die Personen, die Musik zwar genießen möchten, von den einzelnen Einstellungsoptionen aber eher weniger Ahnung haben.

Das neue Soundsystem verfügt über zwei Soundverstärker mit einer Gesamtleistung von 1.750 Watt mit 37 separat prozessierten Ausgangskanälen. Hybride Verstärkertechnologie mit digitaler Signalverarbeitung, analogen Filtern und getrennten Netzteilen sorgen für einen präzisen Klang mit hoher Dynamik.

Neu ist ebenso die Aktive Ambietebeleuchtung, die neben statischen Licht über den gesamten Lichtleiter die Farben abwechseln kann. So sind Inszenierungen problemlos möglich. Die Aktive Ambientebeleuchtung nutzt dabei ein Lichtband aus rund 250 LEDs, die nebeneinander im Abstand von 1,6 Zentimetern im Innenraum verteilt sind. Die Optik ist dabei so ausgelegt, dass eine durchgehende Lichtlinie entsteht. Die Ansteuerung erfolgt über den vorhandenen CAN-Datenbus in Echtzeit mit einer Frequenz von bis zu 25 Hz, was das Auge als dynamische Lichtszenerie wahrnimmt. Mit 200 Candela pro m² ist die Ambientebeleuchtung zehn Mal heller, als bisher und kann automatisch zwischen Tag- und Nachtmodus umgeschaltet werden. Zur Verfügung stehen 64 Farben sowie 20 Helligkeitsstufen.

Augmented-Reality-Head-Up-Display

Mit Blick aus der Frontscheibe fällt das optionale Head-Up Display (HUD) auf. Die größte Variante kann hierbei zwar viele Augmented Reality Inhalte bereitstellen, ist aber auch im vorderen Teil des Armaturenbretts vom Fahrersitz aus deutlich sichtbar.  Interessant wird es, wie das System dann später im Alltag funktioniert – gerade auf die animierten Hinweise auf einen Teil der großen Windschutzscheibe möchten wir hier schon unter der Fahrt erleben. Im Stand konnten wir die Anzeige des Systems mit einer virtuellen Entfernung von 10 Metern zwar betrachten, wie die Matrix aus 1,3 Mio. Einzelspiegeln mit Lichtquelle für die Erzeugung des Bildes im Alltag und bei Tageslicht funktioniert, müssen wir hingegen abwarten.

Zentraldisplay im Hochformat ohne Verrenkung bedienbar

Die größte Veränderung im Innenraum ist wohl das neue Zentraldisplay im Hochformat, welches in Serie eine Bildschirmdiagonale von 11,9 Zoll (1.624 x. 1728 Pixel) umfasst. Optional ist die 12,8″ Variante (1.888 x 1.728) in OLED-Technologie mit haptischen Feedback erhältlich. Touchbedienung ist in jeder Variante möglich.

Beim gezeigten OLED-Display zeigte sich die Anzeige extrem hochwertig mit deutlich guten Schwarzwert und sehr starken Kontrasten. Dabei ist das Display in verschiedene Bereiche unterteilt: oben in der Einsprungfläche, mit der der Nutzer in die Profile gelangen kann. Am Applikationsband in der Mitte lassen sich die Inhalte durch Wischen horizontal und vertikal verschieben, abhängig vom gewählten Homescreen. Unterhalb befindet sich permanent die Klimabedienung, unabhängig der bestellten Bildschirmgröße. Hinter dem Display befindet sich eine zusätzliche Ablagefläche.

Was uns aufgefallen ist, war die durchaus große Fläche des Mitteltunnels, der in der üblichen Klavierlack-Variante nicht nur pflegeintensiver ist, sondern nur kurzzeitig gut aussieht. Hier sollte man bei Bestellung  auf andere Zierelemente ausweichen.

Von der Ergonomie zeigt sich das Zentraldisplay nahezu optimal, sofern man seinen Sitz entsprechend eingestellt hat. So kommt man problemlos an jedes Eck des Displays, wenn auch die notwendigen Funktionen für die Fahrt über das Lenkrad bzw. über die Schalter am Lenkrad bedient werden. Das Display ohne Verrenkungen von Hand bedient werden. Dank haptischem Feedback und leichten Widerstand lassen sich die digitalen Felder parallel gut ertasten. Für die Fahrt zwingend notwendige Funktionen werden über das Display jedoch nicht gesteuert.

OLED-Display mit sehr guter Anzeige, Fingerabdrücke nicht vermeidbar

Das hochauflösende Zentraldisplay macht in Zusammenspiel mit MBUX (NTG 7) einen guten Dienst, zumal das System sich doch flotter bedienen lässt, als die erste Generation (NTG 6). Optisch ist das relativ große Display in der Mittelkonsole zwar zuerst ungewohnt, aber überraschenderweise weniger störend als gedacht. OLED macht hier ein besseres Bild und wurde von Herstellern unter den rauen Automobilumgebungen in dieser Größe noch nie so angeboten. Was sich als Vorteil erweist, ist aber zukünftig ein Mikrofasertuch in Reichweite, um die schnell sichtbaren Fingerabdrücke am Display zu beseitigen.

MBUX in der zweiten Generation als NTG 7

Das neue MBUX System mit dem erweiterten Sprachassistenten “Hey Mercedes” im Multi-Seat Betrieb funktioniert in der Summe recht gut. Die verbauten Kameras in für alle Sitzplätze erkennen mittels Gestensteuerung problemlos die gewünschte Funktion, wobei das System selbst bei der Seitenspiegeleinstellung mittels Blick in den richtigen Spiegel die gewünschte Seite erkennt. MBUX deutet gar die Kopfdrehung, sodass beim Einlegen des Rückwärtsganges erst dann das Heckrollo hochgefahren wird, sobald der Fahrer nach hinten blickt.

Der MBUX Interieur-Assistent bietet aber nicht nur Bedienkomfort, sondern hilft u.a. auch bei der Sicherheit. So überprüft er z.B., ob der Gurt gesteckt ist, wenn ein Kindersitz auf dem Beifahrersitz erkannt wird. Dazu nutzt er zwei Laserkameras in der Dachbedieneinheit, welche Bewegungen von Hand, Kopf und Oberkörper erfassen und kontextbezogen oder auf Anforderung interpretiert.

Das System kann mittels persönlichen Profil mit bestehenden Mercedes me Accounts synchronisiert werden und erkennt den Fahrer, wobei persönliche Präferenzen, wie z.B. Radiosender, Ambietebeleuchtung oder Sitzeinstellungen auf Wunsch automatisch übernommen werden können. Mercedes spricht hier von maximal  sieben Profilen mit rund 800 Parametern im Fahrzeug.

Selbst per Remote-Konfiguration kann die Ambientebeleuchtung von zuhause vorab eingestellt werden. Aber auch andersherum mittels  Smart Home Steuerung (MBUX Smart-Home Funktion) können Sensoren von zuhause abgefragt und Aktionen eingeleitet werden. Das Licht in der Garage vorab einzuschalten, oder die Heizung zuhause zu verstellen ist nun also möglich, oder nach anwesenden Personen zu fragen.

Der Sprachassistent “Hey Mercedes” wurde mit NTG 7 erweitert und kann nun noch deutlich dialog- und lernfähiger reagieren. Im Test funktionierte dies bereits sehr gut, jedoch konnte der Assistent weiterhin eine Rückfrage auf eine davor getätigte Unterhaltung auch weiterhin nicht kombinieren. Für eine intelligente nachhaltige Unterhaltung ist bei der Entwicklung also noch Luft nach oben.

Der Fahrer wird mittels Fingerabddruck, Gesichts- und Spracherkennung oder auch über Schlüssel oder klassischer PIN Eingabe erkannt. Die Fingerabdruckserkennung mittels Sensor unterhalb des Zentraldisplays  ermöglicht später auch die Absicherung von digitalen Bezahlvorgänge im Fahrzeug, wie man es bereits aus zahlreichen Smartphone-Geräten kennt. Da die Profile in der Cloud gespeichert werden, können diese auch in anderen Fahrzeugen (mit neuer MBUX Generation) genutzt werden.

Die neue Generation der S-Klasse von Mercedes-Benz wirkt durchdacht und parallel umfassend überarbeitet. Eine Überfrachtung der Funktionen und der einzelnen Assistenten mag zwar auf dem Papier zuerst so wirken, muss aber im Alltag so gar nicht auf den Fahrer einwirken. Viele Systeme und Assistenten bleiben zuerst unbemerkt im Hintergrund und werden erst dann aktiv, sobald gewünscht oder eine entsprechende Situation eintritt. Bewähren muss sich das Modell dabei vor allen im Alltag und im Fahrtest, was eine statische Präsentation so nicht aufzeigen kann.

Optisch ist das Modell jedoch im realen Blick sehr gut gelungen, wobei der nun größere Kühlergrill gar nicht so auffällig ist. An die veränderten und vor allen flacheren Scheinwerfer muss man sich hingegen gewöhnen, wie auch an das Display in der Mittelkonsole.

Bilder: MBpassion


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