Im letzten Jahr feierte der neue Actros erfolgreich seine Weltpremiere – und nun war es an der Zeit, dass wir die Neuheiten des Trucks von Mercedes-Benz – diesmal rund um Barcelona – erstmals ausführlich testen konnten.  Also auf zum Actros im Praxistest.

Mehr Kraftstoffeffizienz, mehr Sicherheit sowie verbesserter Arbeitsplatz

Auf den ersten Blick hat sich beim Actros jedoch nur wenig getan – diesen Schritt ging Mercedes-Benz LKW jedoch ganz bewusst, da optische Änderungen dem Kunden keine innovativen Vorteile bringen. Der neue Actros sollte gezielt nur Neuerungen bekommen, die auch effektiv nützlich sind. Hier zeichnen drei Schlüsselelemente den LKW aus: Ein besserer Fahrerarbeitsplatz, mehr Kraftstoffeffizienz und zusätzlich mehr Sicherheit.

Kommt ohne Spiegel: der neue Actros

Optisch ist die überarbeitete Actros-Variante an den veränderten Frontscheinwerfern zu erkennen – diese tragen jetzt eine neue geschwungene Lichtsignatur des LED-Tagfahrlichtes am oberen Scheinwerferrand. Außerdem umfasst der Scheinwerfer das neue Intelligent Light, mit automatischem Auf- und Abblendlicht, Abbiegelicht sowie Nebelscheinwerfer. Des Weiteren wurden die großen Außenspiegel entfernt. Die drei Kabinengrößen Streamspace, Bigspace sowie Gigaspace bleiben übrigens weiterhin im Angebot. Zusammengefasst sind es also mehr die inneren Werte des Actros, die aus dem Lkw ein ganz neues Fahrzeug machen.

 

Fahrtest: Neuer Actros fährt teilautomatisiert

Im Fahrerhaus fällt sofort das neue Multimedia-Cockpit ins Auge. Warum aber dieser Schritt zum digitalen Display ?  Der Arbeitsplatz des Fahrers soll dadurch attraktiver und ansprechender sowie in der Bedienung deutlich vereinfacht werden. Anstelle der bisherigen unzähligen Tasten und Schalter gibt es nun das digitale Cockpit. Mit seinen zwei zentralen Farbdisplays ist es die Schnittstelle zwischen Fahrer und Fahrzeug.

Das Primär-Farbdisplay tritt an die Stelle des klassischen Kombi-Instruments mit Tachometer, Drehzahlmesser und Tankanzeige. Es informiert den Fahrer mit einer übersichtlichen und klaren Darstellung über alle wesentlichen Fahr- und Betriebszustände, sowie über die Aktionen von Active Drive Assist, Predictive Powertrain Control und den anderen Assistenzsystemen des neuen Actros von Mercedes-Benz.

Der zweite Bildschirm, das sogenannte Sekundärdisplay, ist als Touchscreen ausgelegt. Mit ihm lassen sich die meisten Funktionen im Lkw bequem steuern. Wichtige Funktionen, wie Licht, Heizung, Klima oder Telefonie sind zudem durch Schnelleinsprungtasten (unterhalb des Displays) direkt wählbar. Darüber hinaus kann sich der Fahrer zu jeder Zeit den Fahrzeugzustand, wie beispielsweise Reifendruck oder Achslast, visualisieren lassen.

Ein neues Multifunktionslenkrad verfügt über Touch Control Buttons, welche auch Finger-Navigation-Pads genannt werden – und bereits so ähnlich aus dem PKW-Sektor bekannt ist. Durch Wischen und Drücken der Buttons werden die Fahrzeugsysteme bedient und Informationen abgerufen. Die zwei Farbdisplay können ebenfalls darüber angesteuert werden.

Optional kann der Truck auch mit Multimedia-Cockpit interactive ausgestattet werden. Hier wächst das Primärdisplay auf stattliche 12 Zoll. Der Fahrer hat dabei die Wahl zwischen zwei Screendesigns: „Classic“ oder alternativ „ Advanced“.

Die Darstellung „Classic“ gleicht der Anzeige aus dem herkömmlichen, serienmäßigen Multimedia-Cockpit.
Die zusätzliche Ansicht „Advanced“ ermöglicht eine individuelle und variable Darstellung der Inhalte in drei Clustern. Außerdem erfolgt bei Aktivierung des Active Drive Assist bzw. des Abstandshalte-Assistenten ein Wechsel des primären Displays in eine, für das teilautomatisierte Fahren, optimierte Fahrerassistenzgrafik.

Gestartet wird der Actros nun einfach und bequem auf Knopfdruck. Der neue Komfort- und Fernbedienungsschlüssel muss dazu nirgends mehr eingesteckt werden. Es reicht wenn er sich irgendwo im Fahrzeug – beispielsweise in der Hosentasche – befindet.

Der neue Actros im Praxistest

Na, dann mal los…: Wir erwecken den OM 471 Reihensechszylinder-Dieselmotor des neuen Lkw per Fingerdruck zum Leben! Seine bis zu 530 PS und 2.600 Newtonmeter Drehmoment stehen als enorme Zugkraft zur Verfügung.

Die neue Lenkung zeigt sich im Stand sehr leichtgängig. Sie lässt sich, zumindest theoretisch, mit nur einem Finger drehen und erleichtert dem Fahrer das Rangieren des Sattelzuges enorm. Lenkimpulse werden dazu  unmittelbar umgesetzt, wodurch ein angenehmes direktes Fahrgefühl entsteht. Insgesamt zeigt das Fahrzeug –  mit nur wenigen nötigen Lenkkorrekturen- sehr gute Spurtreue und liegt dazu nahezu perfekt auf der Straße.

Predictive-Powertrain Control (PPC) überarbeitet

Die neuste Generation der intelligenten Tempomat- und Getriebesteuerung, Predictive-Powertrain-Control (PPC) genannt, hat dazu großen Anteil an der Kraftstoff Effizienz. Das System ist auf der Autobahn, sowie der Landstraße nutzbar und hilft aktiv Diesel zu sparen. Dafür werden – neben einem GPS-Programm – auch präzise digitale Straßenkarten (welche Daten über Topografie, den Kurvenverlauf, die Beschaffenheit von Kreuzungen und Kreisverkehren, sowie Verkehrszeichen enthalten) verwendet. Im Vergleich zum Vorgänger bedeutet dies somit effektiv weniger Verbrauch. die Verantwortlichen von Mercedes-Benz sprechen hier von 3% weniger Verbrauch im Fernverkehr sowie 5% weniger Verbrauch auf Landstraßen.

Das überarbeitete System zeigt sich in unserem Fahrtest als sehr eindrucksvoll. Enge und kurvige Landstraßen im Hinterland von Barcelona meistert der Actros mit dem PPC spielerisch. Der Lkw weiß dazu genau, welche Fahrgeschwindigkeit richtig ist, um die Kurve sicher und gut zu durchfahren. Im Display wird der Fahrer zusätzlich immer über das nächste Ereignis informiert.

Dazu ein kurzes Beispiel: Eine Linkskurve in 155 Meter wird angekündigt, die mit einer Geschwindigkeit von 41 km/h befahren werden kann. Der Actros regelt die Fahrgeschwindigkeit exakt zur Kurve, so dass der Fahrer nicht eingreifen muss und sich voll und ganz auf die Lenkradarbeit konzentrieren kann, um den Truck in der Fahrspur durch die Kurve zu lenken. Eindeutig also ein klarer Vorteil auf unbekannten Straßen, insbesondere bei Nacht oder schlechten Wetterbedingungen. Außerdem wurden die schon bestehenden Funktionen des PPC weiter optimiert, somit ist die Reaktion bei Gefälle und Steigungen noch feiner.

Bei Bergabfahrten wird beispielsweise ausgekuppelt, um mit der eigenen Schwungmasse so wenig wie möglich Kraftstoff zu verbrennen.Durch die Nutzung des Economy Fahrprogramms fährt das System zusätzlich effizienter, als ein Fahrer könnte.

Übrigens: dank GPS-Daten und den Kartendaten bemerkt die Modellpflege nun sogar, wenn das Fahrzeug in einen Tunnel einfährt und aktiviert dazu automatisch das Umluftsystem, sodass keine Fremdluft im Tunnel in den Innenraum angesaugt wird.

Active Drive Assist (ADA) ermöglicht teilautomatisiertes Fahren

Eine weitere beeindruckende Neuerung ist der Active Drive Assist – kurz ADA – welches auf Autobahnen oder ähnlich ausgebauten Straßen ein teilautomatisiertes Fahren. Diese Funktion stellte Mercedes-Benz als Weltpremiere in einem Serien-Lkw vor.

Das neue System übernimmt, neben der Längsführung (d.h. beschleunigen und bremsen) auch die Lenkung selbst und hält den Actros selbstständig in der Fahrspur, sofern die Bedingungen für das teilautomatisierte Fahren erfüllt sind. Mittels Kamera orientiert sich der Active Drive Assist auf der Straße und erkennt die Fahrbahnmarkierungen eigenständig. Die Aktivlenkung benötigt jedoch einige Eingewöhnungszeit.

In unserem Fahrtest auf spanischer Autobahn, arbeitete ADA perfekt und ohne Probleme. Das Zusammenspiel aus Gas geben, Bremsen und Lenken klappte dazu optimal. Der Actros wurde so auf der Spur gehalten, auf langsam vorausfahrende LKWs wurde entsprechend mit eigenständigen Bremseingriffen reagiert. Sofern genügend Abstand vorhanden ist, beschleunigte das System wieder, bis die vom Fahrer eingestellten Maximalgeschwindigkeit. Bei einer monotonen Fahrt eine deutliche Entlastung für den Arbeitsplatz des Fahrers.

Durch spezielle Grafiken im Primärdisplay kann der Fahrer dazu sofort erkennen, wann das System aktiv ist: ein blaues Lenkrad und blaue Fahrspurmarkierungen signalisieren dazu im digitalen Cockpit, wenn das ADA System aktiv arbeitet.  Vorausfahrende Trucks werden ebenfalls mit Grafik samt Anzeige von Entfernung und Fahrgeschwindigkeit im Display angezeigt. Somit hat der Fahrer immer einen voll-umfassenden Überblick. Der Active Drive Assist trägt somit einen Teil an der Sicherheit bei, die Unfälle verhindern und ein deutliches Plus an Sicherheit bieten.

 

Ein weiterer Punkt für mehr Sicherheit stellt das neue MirrorCam System dar, was als Kamerasystem die  herkömmlichen Haupt- und Weitwinkelspiegel ersetzt. Die Kameras selbst sind dazu links und rechts oben – aerodynamisch – am Fahrzeug anstatt der typischen Außenspiegel verbaut. Im Innenraum ersetzen die Spiegel zwei 15 Zoll große Displays an den A-Säulen im Fahrerhaus.

Im Rahmen der Testfahrt hat sich für uns bestätigt, dass die Sicht durch die MirrorCam deutlich verbessert ist. Uns steht dazu ein merklich vergrößertes Sichtfeld zur Verfügung. Die Umgewöhnung vom konventionellen Außenspiegel hin zum digitalen Spiegel ging dazu überraschend schnell, wobei die Vorteile des Systems klar überwiegen und deutlich werden. So schwenkt das System während der Kurvenfahrt, d.h. das Bild des kurven-inneren Displays geht mit und liefert so eine optimale Sicht auf den gesamten Trailer, sodass der Fahrer immer alle Achse im Blick hat. Zusätzliche Hilfslinien im Kamerabild – die individuell eingestellt werden können – unterstützen den Fahrer und zeigt u.a. das Sattelzugende an – und ermöglicht dazu ein besseres punktgenaueres Rangieren.

Besonders bei schlechten Sichtverhältnissen bei Nacht zeigen die Kameras einen Vorteil, da das empfindliche System das schwache Restlicht verstärkt und so ein optimales Nachtbild im Display anzeigt.

Parallel steht für das MirrorCam System eine spezielle Rangieransicht beim Rückwärtsfahren zur Verfügung. Im oberen Bereich des Displays wird dazu der fahrzeugnahe und im unteren Teil der fahrzeugferne Bereich angezeigt. Ebenso helfen Distanzlinien im Bild der MirrorCam zur besseren Einschätzung des rückwärtigen Verkehrs beim Spurwechsel.

Weitere Sicherheitssysteme sind der Active Brake Assist 5 (ABA5), sowie der bereits bekannte Abbiege-Assistent.
Der Active Brake Assistent –  bereits in der 5. Generation – arbeitet nun mit verbesserter Personenenerkennung. Dazu wird durch  die Zusammenarbeit aus Radar- und Kamerasystem noch bis zum Geschwindigkeitsbereich von 50 km/h eine Reaktion auf Personen ermöglicht.

Erkennt der Active Brake Assist 5 (ABA5)  die Gefahr eines Unfalls mit einem vorausfahrenden Fahrzeug, einem stehenden Hindernis oder einer Person, wird der Fahrer über ein dreistufiges Warnsystem darauf hingewiesen. Sollte er nicht aktiv werden, erfolgt zunächst – als erste Stufe – eine optische und akustische Warnung. Danach wird eine Teilbremsung eingesteuert. Reagiert der Fahrer auch weiterhin nicht, wird eine Vollbremsung initiiert, um eine Kollision zu vermeiden.

Der Abbiege-Assistent überwacht mit zwei Nahbereichs-Radarsensoren auf der Beifahrerseite die gesamte Länge des Sattelzugs – sowie zusätzlich zwei Meter nach vorn und bis zu einen Meter nach hinten. Vor Gefahr wird auch hier mit einem mehrstufigen Prozess gewarnt. Befindet sich ein bewegliches oder stehendes Objekt auf der rechten Seite des Fahrzeuges, erfolgt im Display der MirrorCam auf der Beifahrerseite, dann durch ein gelbes Dreieck, eine optische Warnung. Bei Kollisionsgefahr blinkt das Dreieck dann mehrfach rot, zeitgleich ertönt ein Warnton.

Die neue optionale LED-Ambientebeleuchtung lassen den Innenraum im Actros in neuem Licht erstrahlen. Zur Ambientebeleuchtung gehören dabei zwei Funktionen: das eine blaue Nachtfahrlicht leuchtet den Fußraum und das Cockpit aus und das orange Wohnlicht versprüht eine warme und gemütlich Atmosphäre in der Kabine, was alles noch wohnlicher wirken lässt.

Fazit:

Der aufgeräumte und moderne Fahrerarbeitsplatz mit dem Multimedia-Cockpit ist mehr als ansprechend. Neue Systeme, wie ADA oder der weiterentwickelte PPC, sind dabei keine moderne Spielerei, sondern bieten eine aktive Unterstützung für den Fahrer und zusätzliche Sicherheit. Besonders die neue Mirrorcam zeigte sich als großer Pluspunkt in der Modellpflege – auch bei schlechten Wetterverhältnissen gab es immer eine freie Sicht nach hinten.

Technisch hat die Modellpflege des Actros einen großen Sprung nach vorne gemacht, was besonders den Fahrer in erster Linie entlastet. Hat man sich mit den neuen Elementen und Systemen intensiv auseinandergesetzt, um das Fahrzeug dann als Fahrer auch optimal bedienen zu können, zeigt sich schnell der Vorteil der neuen Optionen. Einfach “reinsetzen und losfahren” bleibt nicht die erste Wahl.

Ab Juni 2019 gehen die ersten modellgepflegten Modelle übrigens zum Händler, während man die Modellpflege auch schon als 1:18 Autotransporter erwerben kann (siehe hier).

Bilder/Video: ©Philipp Deppe / MBpassion.de