Mit der Gestaltung des 300 SL setzte Mercedes-Benz höchste Maßstäbe im Sachen Design an, – sowohl im Exterieur, als auch im Interieur. Stets sollten die Fahrzeuge wie aus einem Guss wirken und haben damit meist schon zu Lebzeiten das Zeug, ein Klassiker zu sein.

Der Rennsportwagen Mercedes-Benz 300 SL (W 194), 1952

Bei der Gestaltung des Rennsportwagens 300 SL (Baureihe W 194) stehen eindeutig die Vorgaben des Sportgesetzes nach zwei Sitzplätzen und die Forderung nach hoher Effizienz durch einen besonders niedrigen Luftwiderstand im Vordergrund. Die dabei entstandene Form setzt diese Hauptforderung an die Karosseriegestaltung im Sinne der Maßgabe „form follows function“ optimal um. So ist beispielsweise der um 50 Grad nach links geneigt eingebaute Sechszylindermotor der niedrigen Motorhaube mit ihrer geringen Stirnfläche geschuldet.

Das Besondere an der Karosserie des W 194 ist zudem, dass hierbei, damals gar nicht im Vordergrund stehend, in hohem Maße ästhetische Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Ganz im Gegensatz zu vielen Wettbewerbsfahrzeugen jener Jahre überzeugt der W 194 auch noch viele Jahrzehnte später durch gelungene Proportionen, die von vielen Betrachtern immer noch als schön empfunden werden. Diese Karosserie wird, wie damals üblich, von Karosseriekonstrukteuren entwickelt. Designer im heute verstandenen Sinne gibt es damals bei Mercedes-Benz noch nicht.

Windkanalmessungen im Januar 2012 mit historischen Fahrzeugen bestätigen die Zielsetzungen der damaligen Ingenieure. Dabei werden der Rennsportwagen 300 SL der Baureihe W 194 und als direkter Zeitgenosse ein Typ 300 S (W 188) untersucht, ein sportlich-luxuriöser Reisewagen, zusätzlich auch ein Seriensportwagen 300 SL der Baureihe W 198 I, der ja aus dem W 194 entstanden ist. Die Anblasgeschwindigkeit für die genannten Werte beträgt 200 km/h, um mit heute üblichen Messungen vergleichbar zu sein.

Der W 194 erreicht dabei einen cW-Wert von 0,38 – für die damalige Zeit ein sehr günstiger Wert, wie die vergleichende Messung mit dem W 188 mit 0,48 zeigt. Die Karosserie des W 194 ist für einen niedrigen Luftwiderstand optimiert, was sich im Gesamtdesign des Exterieurs offenbart, während der W 188 noch stark nach Designkriterien gestaltet ist, die eher in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg fußen. Der Seriensportwagen der Baureihe W 198 erzielt einen cW-Wert von 0,40.

Der Mercedes-Benz 300 SL (W 198 I), 1954 bis 1957

Mit der Konstruktion des Mercedes-Benz 300 SL (W 198 I), der im technischen Rahmen- und Fahrwerkaufbau vom Rennsportwagen 300 SL (W 194) abgeleitet ist, kommen nun weitere Gesichtspunkte zum Tragen. Die Anforderungen an Automobilkarosserien werden zunehmend vielgestaltiger. In wachsendem Maße werden, neben den rein funktionalen und aerodynamischen Kriterien, auch ästhetische Gesichtspunkte eingefordert. Der Kunde der avisierten Zielgruppe erwartet neben der überlegenen Fahrleistung auch Eleganz, Exklusivität, Prestige und das Ansehen von Wohlstand.

Der damalige Leiter der Abteilung Stilistik, Friedrich Geiger, entwickelt auf der Basis des Rennsportwagens eine Form, die es damals sowohl bei Mercedes-Benz und keinem anderen Hersteller gibt. Mit seinem künstlerischen Formgefühl zeichnet Geiger eine Karosserie, welche die Leistungsfähigkeit dieses Hochleistungs-Sportwagens optisch durch das muskulöse Design der Karosserie in unnachahmlicher Eleganz zum Ausdruck bringt. Dabei wirken die beiden Powerdomes auf der Motorhaube als belebende Elemente. Die rechte der beiden Wölbungen ist durch die Lage des Saugrohrs bedingt. Aus Gründen der Symmetrie erhält die Haube zwei Wölbungen.
Geiger entwickelt, völlig abweichend vom Gesicht des Rennsportwagens W 194, für den W 198 ein völlig neues Gesicht, das für die folgenden Jahrzehnte als zweites „ Mercedes-Gesicht“ sowohl für die SL-Geschichte als auch, und damit hatte niemand gerechnet, für die Gestaltung der Front von Omnibussen und Nutzfahrzeugen von Mercedes-Benz typisch wird. Prägend ist das vor der großen Kühleröffnung platzierte Ensemble aus zentral angeordnetem Mercedes-Stern und den rechts und links flankierenden horizontalen Chromspangen als Gestaltungselemente.

Sehr geschickt setzt Geiger die über den Radausschnitten angebrachten Lanzetten als optisch streckendes Formenzitat der durch Rundungen geprägten Karosserie ein.
Die Flügeltüren machen den Einstieg nicht einfach, jedoch tragen sie maßgeblich zum Status der Exklusivität bei und sind bis heute das Markenzeichen des Coupés. Geiger übernimmt sie vom W 194. Lediglich die den Zulassungsvorschriften geschuldeten Stoßstangen beeinträchtigen den homogenen Gesamteindruck der Silhouette. So hält der spätere Designchef Bruno Sacco es immer noch für einen strategischen Fehler der damaligen Zeit, das Coupé mit den Flügeltüren durch den Roadster ersetzt zu haben, wie er in einem Interview sagt. Die heutige Wertschätzung, die dem Flügeltürer vom Typ 300 SL (W 198 I) widerfährt, gibt Sacco Recht. Er wird 1999 aus gutem Grund zum Sportwagen des Jahrhunderts gekürt. Er begründet den Mythos SL und konserviert die Design-Faszination über die Jahrzehnte. Sein Nachfolger als Roadster freilich bleibt der Supersportwagen mit dem stärkeren Alltagsnutzen.

Der Mercedes-Benz 300 SL Roadster (W 198 II), 1957 bis 1963

Mit einem geringen Zeitversatz von wenigen Monaten nach der Präsentation des Serien-Flügeltürers im Februar 1954 zeichnet Friedrich Geiger bereits die ersten Skizzen für den vom US-Importeur Max Hoffman dringend geforderten offenen 300 SL. 1957 erfüllt dann der 300 SL Roadster (W 198 II) die Wünsche der Schönen und Reichen dieser Welt nach dem nach oben ungehinderten Sonnen- und Frischluftvergnügen. Wesentliches gestalterisches Merkmal sind die an der Front in die vorderen Kotflügel eingelassenen Leuchteinheiten, in denen Blinker, Haupt- und Nebelscheinwerfer unter einem Glas zusammengefasst sind. Gegenüber dem Flügeltürer mit seinen runden Scheinwerfern wird hier ein kraftvollerer Ausdruck erzielt. Die Längsdynamik in der Seitenansicht erreicht Geiger durch die Verwendung von Sicken, die in die Türen laufen. Den Karosserie-Grundkorpus ändert er nicht. Als besonders harmonisches Element wirkt das später lieferbare Hardtop mit seinem weit in die Seite hineingezogenen Panorama-Heckfenster. Das Verdeck wird in geöffnetem Zustand unter einem harmonisch in die Karosserielinie integrierten Verschlussdeckel abgelegt. In der Seitenansicht wirkt das Fahrzeug wie aus einem Guss. Aufgrund seiner einfachen Handhabung wird Geigers Verdeckkonstruktion damals als schnellstes von Hand zu betätigendes Verdeck der Welt bezeichnet.

Der 300 SL Roadster definiert erfolgreich für Mercedes-Benz den Anspruch nach dem Zweiten Weltkrieg, wieder sportliche Roadster der absoluten Spitzenklasse zu bauen.

Quelle: Daimler AG