Der Doppelsieg des Sauber-Mercedes C 9 bei den 24 Stunden von Le Mans krönt am 11. Juni 1989 die Rückkehr der Mercedes-Benz Silberpfeile auf die Rundstrecke. Jochen Mass, Manuel Reuter und Stanley Dickens holen im C 9 mit der Startnummer 63 den Sieg, gefolgt von Mauro Baldi, Kenny Acheson und Gianfranco Brancatelli (Startnummer 61).

Abgerundet wird der Triumph von Jochen Mass, Manuel Reuter und Stanley Dickens in Le Mans durch Platz 5 für das dritte Auto des Teams Sauber-Mercedes: Das Fahrzeug von Jean-Louis Schlesser, Jean-Pierre Jabouille und Alain Cudini mit der Startnummer 62 erreicht in der Qualifikation die beste Zeit und geht von der Pole Position ins Rennen. Die Fachzeitschrift „Motor Sport“ würdigt in ihrer Ausgabe vom Juli 1989 die exzellente Leistung der „Silberpfeile der dritten Generation“ („third-generation Silver Arrows“). Damit macht das britische Magazin die Rolle des C 9 in der Mercedes-Benz Motorsportgeschichte deutlich: Der vom schweizerischen Rennstall Sauber entwickelte und von dem 530 kW (720 PS) starken Mercedes-Benz Motor M 119 HL angetriebene Gruppe-C-Rennsportwagen ist ein würdiger Nachfolger der legendären Silberpfeile von 1934 bis 1939 und 1954 bis 1955.

Den Namen Silberpfeil verdient sich der C 9 in der Saison 1989, weil er mit der klassischen silbernen Lackierung der Mercedes-Benz Rennwagen startet. Zuvor erhält der von 1987 bis 1989 eingesetzte C 9 unterschiedliche Designs – und verschiedene Namen, ja nach Sponsor. So heißt der Rennsportwagen in der Saison 1987 Kouros-Mercedes, danach bis 1989 Sauber-Mercedes, und schließlich läuft er für ein Rennen im Jahr 1990 als Mercedes-Benz.

Das Ziel war die Weltmeisterschaft
Der Rennsportwagen Sauber-Mercedes C 9 steht in einer Tradition der Innovationspartnerschaft zwischen Mercedes-Benz und dem in der Schweiz beheimateten Rennstall von Peter Sauber, die auf das Jahr 1984 zurückgeht. Damals vereinbaren das Stuttgarter Unternehmen und der in Zürich ansässige Rennsportwagen-Konstrukteur, dass Mercedes-Benz Motoren für die Sauber-Sportwagen-Prototypen der Rennserie Gruppe C liefert. Mit dieser Partnerschaft zeichnet sich die Rückkehr von Mercedes-Benz in den aktiven internationalen Rundstrecken-Rennsport ab, den Mercedes-Benz 1955 verlassen hat.

Sauber ist bereits seit 1982 in der Gruppe C aktiv. Zunächst werden Motoren von Ford und BMW in den Sportwagen-Prototypen C 6 und C 7 eingesetzt. 1985 präsentiert Sauber dann den C 8, in den der Mercedes-Benz Motor M 117 eingebaut ist – ein aus dem Serienbau stammendes, modifiziertes V8-Aggregat mit 4.973 Kubikzentimeter Hubraum. Der C 8 gewinnt das ADAC 1.000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring 1986. Im Folgejahr erzielt Sauber-Mercedes mit dem neuen C 9 (der noch vom Motor M 117 des C 8 angetrieben wird) einen Sieg beim Super-Sprint auf dem Nürburgring (Jean-Louis Schlesser).

Ab 1988 tritt Mercedes-Benz offiziell wieder werksseitig in der Gruppe C der Rennsportwagen an. Der mehr als 515 kW (700 PS) starke C 9 gewinnt in diesem Jahr die 800 Kilometer von Jerez, den Großen Preis der ČSR in Brünn, die 1.000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring und in Spa-Francorchamps sowie das 360-Kilometer-Rennen von Sandown Park. Dazu kommen Siege in den Supercup-Rennen auf dem Hockenheimring, auf dem Norisring und dem Flugplatz Diepholz.

1989 holt Sauber-Mercedes mit dem C 9 schließlich die Weltmeisterschaft. Für die Saison 1989 erhält der Rennsportwagen den neuen V8-Biturbo M 119 HL mit Vierventiltechnik, der kurzfristig bis zu 680 kW (925 PS) liefert. Im Rennen wird er jedoch mit einer Abstimmung eingesetzt, die rund 530 kW (720 PS) Leistung ergibt. Die Wagen werden für die Saison 1989 nicht nur technisch weiterentwickelt, sie bekommen nun auch eine silberne Lackierung, die eindeutig signalisiert, dass Mercedes-Benz erneut als Werksmannschaft auf der Rundstrecke um Siege fährt.
Sieg mit überzeugender Technik und umfassender Organisation

Organisation, Vorbereitung und Strategie müssen so gut sein wie das Auto, damit ein Team die 24 Stunden von Le Mans gewinnen kann. Dass Sauber-Mercedes in der Saison 1989 das Zeug zum Sieg hat, zeigt die Silberpfeil-Equipe schon in der Qualifikation: Jean-Louis Schlesser und Jean-Pierre Jabouille sichern sich mit einer Zeit von 3:15,04 Minuten die Pole-Position, gefolgt von Mauro Baldi, Kenny Acheson und Gianfranco Brancatelli im zweiten C 9 (3:15,67 Minuten).

Das dritte Fahrzeug mit Jochen Mass, Manuel Reuter und Stanley Dickens startet dagegen nur von Platz 11. Im Lauf des Rennens arbeitet sich dieser C 9 aber Stück für Stück in der Platzierung nach vorn. „Eindrucksvoll in der coolen Art, wie er sich von diesem bescheidenen Start seinen Weg zurück in den Wettbewerb erkämpfte und nun einer der schnellsten Wagen überhaupt war“, schreibt Ken Wells später in seinem Buch „Mercedes Magic. The Story of the 1989 Le Mans Race“ über diese Aufholjagd. („Impressive in the cool manner in which it had clawed ist way back into contention from such a humbling beginning“). Stunde um Stunde führt das Rennen durch die Nacht und durch den Morgen, im Konzert der Rennmotoren grollen die Mercedes-Benz V8-Aggregate mit ihrem tiefen Bass. „Diese drei stachen mit ihrem Klang heraus aus der Kakofonie, die ständig die Sinne bombardierte“, berichtet Wells von dieser einzigartigen Soundkulisse. („In the cacaphony that constantly bombarded the senses these three stood distinct above the rest in their tenor“).

Leistung und Zuverlässigkeit der C 9 sowie die eingespielten Abläufe zwischen den Fahrern und der Boxencrew zahlen sich aus: Am Ende des Marathon-Rennens kommen zwei Silberpfeile an der Spitze des Feldes ins Ziel. Ausgerechnet der schnellste Wagen der Qualifikation liegt abgeschlagen auf Platz 5. Grund dafür dürfte ein Unfall in der dritten Stunde gewesen sein, heißt es im Rennbericht von „Motor Sport“: Ohne diesen Crash von Alain Cudini, bei dem das Heck des Wagens beschädigt wird, hätte Sauber-Mercedes wohl sogar einen Dreifachsieg ins Ziel gefahren.
Die neuen Silberpfeile fahren 1989 und 1990 zusammen 16 Siege bei insgesamt 18 Rennen nach Hause. Dazu zählen 1989 der Gewinn der 24 Stunden von Le Mans, außerdem Siege bei den 480-Kilometer-Rennen von Suzuka, Jarama, Brands Hatch und Donington Park, bei der ADAC Trophy auf dem Nürburgring, den Coupes de Spa in Spa-Francorchamps sowie der Trofeo Hermanos Rodriguez in Mexiko. Jean Louis Schlesser gewinnt 1989 die Fahrerweltmeisterschaft der Gruppe C, Sauber-Mercedes siegt in der Teamwertung mit 155 Punkten.

1990 kommt der Sauber-Mercedes C 11 als Nachfolger des C 9 zum Einsatz. Der Sportwagen-Prototyp ist der erste Wagen von Sauber mit einem Kohlefaser-Chassis, was dem Fahrzeug eine besonders hohe Festigkeit verleiht. 1990 gewinnt Sauber-Mercedes erneut sowohl den Fahrertitel (Schlesser und Baldi) als auch den Konstrukteurstitel der Weltmeisterschaft. Für die Saison 1991, in der keine aufgeladenen Motoren mehr in der Gruppe C zugelassen sind, entwickelt Mercedes-Benz den neuen V12-Motor M 291 (478 kW/650 PS) für den Rennsportwagen C 291. Es ist der letzte Gruppe-C-Wagen von Mercedes-Benz.

Der Doppelsieg in Le Mans 1989 ist auch ein glänzender Brückenschlag in die Geschichte. Denn Mercedes-Benz gewinnt bereits 1952 mit dem seinerzeit neuen 300 SL Rennsportwagen (W 194) das renommierte Langstreckenrennen. Damals kommen Hermann Lang und Fritz Rieß als Sieger ins Ziel, gefolgt von Theo Helfrich und Helmut Niedermayr auf dem zweiten W 194.

Mercedes-Sauber C 9 Gruppe-C-Rennsportwagen
Der C 9 startet von 1987 bis 1989 in der Sportwagen-Weltmeisterschaft und dem in Deutschland ausgetragenen Supercup. Mit diesem Fahrzeug gewinnt Sauber-Mercedes die Weltmeisterschaftswertungen für Fahrer und Team in den Jahren 1989 und 1990. Das Siegerfahrzeug von Le Mans 1989 ist mit dem Motor M 119 HL ausgestattet, der 1989 und 1990 verwendet wird.

Technische Daten Mercedes-Sauber C 9 Rennsportwagen (Motor M 119 HL)

  • Einsatz: 1989-1990
  • Zylinder: V8
  • Hubraum: 4.973 Kubikzentimeter
  • Leistung: 530 kW (720 PS)
  • Höchstgeschwindigkeit: Rund 400 km/h