Selbst auf einer Rennstrecke wie Paul Ricard in Le Castellet braucht man heutzutage eine Sondergenehmigung, um die „rote Sau“ rauszulassen.

Dazumal, 1971 – war es noch kein Problem: hier fuhr der Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 AMG beim 24-Stunden-Rennen in Spa-Francorchamps als zweiter über die Ziellinie, zur Überraschung der Renntourenwagen-Szene. Niemand hatte damit gerechnet, dass die große und schwere S-Klasse eine Chance haben könnte. So hatten die Edeltuner aus Affalterbach ihren ersten großen Auftritt, und der Renn-SEL wegen der roten Farbe seinen Spitznamen.

In Le Castellet donnerte nur eine Replica über den Kurs, das Original bleibt verschollen – auch wenn bei der Kopie alles beim Alten blieb: Farbe, die Startnummer 35, die Sponsorenaufkleber, die edle Innenausstattung mit dem Mercedes-Komfort und Servolenkung. In sengender Sonne trat die alte rote Sau so mit ihren Fahrern von 1971 – Hans Heyer und Clemens Schickentanz – jetzt gegen eine neue rote Sau an, eine aktuelle S-Klasse in gleicher Kriegsbemalung aber mit dem neuen Achtzylinder V8-Biturbo, der ab Herbst in die S-Klasse und in den CL einziehen und dort den Mercedes-Benz S 63 AMG befeuern wird. Andere Modelle sollen nach Angaben von Werksvertretern folgen.

Der neue Motor mit der Typenbezeichnung M 157 leistet 400 kW / 544 PS und bietet ein maximales Drehmoment von 800 Newtonmetern (Nm). Bei AMG ist man sich allerdings sicher, dass später viele Käufer zum „Performance Package Plus (PPP)“ greifen werden: Dann leistet der Motor 420 kW / 571 PS und stemmt 900 Nm. Zum PPP gehört übrigens auch ein Sportfahrerlehrgang, der heute gern in Anspruch genommen wird. Beim C 63 AMG nutzt schon fast jeder zweite Käufer die Chance, an der AMG Driving Academy teilzunehmen.

Aber zurück zur roten Sau: Der Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 AMG leistete in der Serienversion 184 kW / 250 PS bei 4000 Umdrehungen pro Minute, die V-max lag bei 220 km/h. In der neuen roten Sau mit dem neuen Achtzylinder steckt auch ein Serienmotor, allerdings in der PPP-Version mit 571 PS. Da darf man einen Vergleich anstellen, um den Fortschritt in den vergangenen vier Jahrzehnte beim Motorbau einschätzen zu können: Die neue AMG-S-Klasse bietet also mehr als doppelt so viel PS, verbraucht aber nur halb so viel Kraftstoff wie der SEL, nämlich nur noch 10,5 Liter auf 100 km, natürlich im Schnitt nach der EU-Norm und nicht auf der Rennstrecke. Dann darf’s natürlich auch ein bisschen mehr sein – der Verbrauch für die “alte rote Sau” blieb im verborgenen. Die Rennversionen der Herren Heyer und Schickentanz leistet bei einem Hubraum von 6835 ccm 315 kW / 428 PS und bot 600 Nm.

Dass 40 Jahre im Motorenbau einen großen Fortschritt bringen können, erstaunt niemanden. Das entspricht der Lebenserfahrung. Aber beim AMG-Achtzylinder wird der Fortschritt auch von Generation zu Generation spürbar. Eben noch erntete der aktuelle AMG-Achtzylinder die Lorbeern als „Engine of the Year“, da stellt das Unternehmen schon den nächsten Achtzylinder vor, eben den in der neuen roten Sau, den M 157. Der hat erstmals Benzindirekteinspritzung, zwei Turbolader und mit 5,5 Litern einen kleineren Hubraum, und er verbraucht rund ein Viertel weniger als sein Vorgänger. Der M 156 war noch ein Hochdrehzahl-Saugmotor, der in der Performance-Variante 386 kW / 525 PS leistet und 650 Nm schaffte.

Die beiden roten Säue haben in Le Castellet an diesem Tage viele Runden gedreht. Erst stand der Alte im Mittelpunkt, dann der Neue. Hans Heyer hatte gewarnt, dass die Bremsen nicht so standfest sind, so dass sie in Spa-Francorchamps das Rennen auf den Geraden nach Hause fahren mussten. Auch die superbreiten Reifen waren keine Gewähr dafür, dass die nächste Kurve nicht zur Falle wurde. Da hat man den SEL lieber den alten Hasen überlassen und hätte der alten roten Sau mit der neuen um die Ohren fahren können; denn nicht nur der Motorenbau hat riesige Fortschritte bewältigt.

Details zum Fahrzeug und zum Event selbst hatten wir bereits hier.

(Quelle: ampnet)