Ein Auto, vier Fahrzeuge – die Variabilität steht im Vordergrund bei der Konzeption des Vario Research Car (VRC) von Mercedes-Benz, das auf dem Automobilsalon in Genf (9. bis 19. März 1995) eine viel beachtete Premiere feiert. Denn das VRC lässt sich innerhalb weniger Minuten in ein anderes Auto verwandeln.

Vario_Research_Car

Egal, was für eine Fahrt ansteht – mehr als ein Auto braucht man dank der Wandelbarkeit der Karosserie des Vario Research Car nicht. Während der Woche ist es eine Limousine. Zum Verreisen ist die Ladekapazität eines Kombis gewünscht. Im Sommer lockt die Sonne zu einer genüsslichen Cabrio-Tour, das passende Auto steht bereit. Und für große Ladeaufgaben gibt’s den Pick-Up mit offener Ladefläche.

Gelöst hat Mercedes-Benz die Aufgabe mit einem zweitürigen Kompaktwagen. Er hat einen einteiligen Karosserieaufbau, bestehend aus Dach, Seitenwand und Heckpartie, der sich abheben und gegen eine andere Variante austauschen lässt. Dafür genügen wenige Handgriffe und ein Zeitaufwand von gerade mal 15 Minuten.

Verknüpft wurde das Vario Research Car mit einer Vision: Der Kunde besitzt die Aufbauten nicht selbst, sondern fährt bei einer Mietstation vor. Während er eine Tasse Kaffee trinkt, wechseln Servicetechniker den Karosserieaufbau. Schon nach wenigen Minuten geht die Fahrt weiter. Wie lange die Kunden die jeweilige Aufbauvariante nutzen, bleibt ihnen überlassen, denn das Mietsystem ist genauso flexibel wie das Auto selbst.

Die Zukunftsforschung gab den Anstoß für das Vario Research Car. Sie sagt voraus, dass die Menschen mehr Freizeit haben werden, die sie mit sehr unterschiedlichen Aktivitäten verbringen. Dafür und auch für den Alltag möchten sie sich ihr Auto nach dem Fahrzweck aussuchen. Doch ein eigener kleiner Wagenpark wäre unwirtschaftlich. Das Vario Research Car von Mercedes-Benz ist die Lösung.

Als Forschungsfahrzeug dient das Vario Research Car zudem der Erprobung mehrerer mehrere technischer Komponenten, die in die Zukunft weisen. Einige betreffen nahe liegender Weise den Wechsel der Karosserieaufbauten. Er soll leicht zu bewerkstelligen sein, was nur das Zusammenspiel mehrerer Komponenten möglich macht: Die Servicetechniker legen den Dachaufbau auf das Chassis, Elektromotoren ziehen ihn in die endgültige Position, wo Spezialverschlüsse und starke Elektromagnete ihn an acht Befestigungspunkten halten. Für die elektrischen Verbindungen am Heck, die sich je nach Aufbau unterscheiden, gibt es einen Zentralstecker mit automatischer Erkennung. Wird beispielsweise der Kombi-Aufbau montiert, werden der Heckscheibenwischer und die Waschanlage mit Strom versorgt.

Die Karosserieaufbauten sind leicht und stabil – ein Ergebnis der Ingenieursarbeit, im Vario Research Car neue Werkstoffe zu erproben. Die Aufbauten bestehen aus dem Hightech-Werkstoff CFK – kohlefaserverstärkter Kunststoff. Gegenüber Aluminium ist CFK noch einmal um 25 Prozent leichter und zeichnet sich überdies durch hohe Festigkeit aus. Die Aufbauten bringen jeweils nur 30 bis 50 Kilogramm auf die Waage und bieten trotz des Leichtbaus ein hohes Maß an Stabilität und Crash-Sicherheit.

Das Vario Research Car dient der weiteren Erprobung des Frontantriebs in einem Mercedes-Benz, der hier mit einem stufenlosen Automatikgetriebe kombiniert wurde, und der Active Body Control (ABC) für eine Verbesserung von Fahrsicherheit und Komfort.

Im Cockpit befindet sich ein Farbdisplay, das dem Fahrer alle benötigten Informationen zeigt. Auf der Mittelkonsole ist ein Drehsteller installiert, über den der Fahrer gezielt das Menü durchsteuern kann. Dazu gehören nicht nur Drehzahl, Bordcomputer und Tageskilometerzähler, sondern auch die Streckenempfehlungen des bordeigenen Navigationssystems – im Jahr der Präsentation, 1995, noch keine Selbstverständlichkeit. Eine Besonderheit ist die so genannte Sicherheitsanzeige: Hält der Fahrer das vorgeschriebene Tempolimit ein, zeigt sie einen grünen Kreis. Fährt er schneller oder hält der den richtigen Sicherheitsabstand zum Vordermann nicht ein, verändern sich Farbe und Form des Symbols – aus dem Kreis werden dann je nach Tempoüberschreitung oder Abstand eine gelbe Ellipse oder ein rotes Dreieck. Für diese Funktion ist die Bordelektronik unter anderem mit Abstandsradar und Traktionskontrolle gekoppelt.

Ein zweites Display befindet sich im oberen Teil der Mittelkonsole. Dort erscheinen unter anderem Einstellhinweise für Klimaanlage und Navigationssystem. Beim Tankstellenstopp erfährt der Autofahrer außerdem, ob Reifenluftdruck, Motorölstand, Kühlmittelstand, Wischwasserstand und Lichtanlage in Ordnung sind. Das Besondere: Während der Fahrt ist die Auswahl zusätzlicher Funktionen für den Fahrer blockiert, damit er nicht vom Verkehrsgeschehen abgelenkt wird, während der Beifahrer ungehinderten Zugang zu allen Sekundärinformationen hat. Zur Erkennung „spürt“ der Drehsteller, ob er mit der linken Hand (Beifahrer) oder rechten Hand (Fahrer) berührt wird.

Das Vario Research Car ist das erste Forschungsfahrzeug von Mercedes-Benz mit Drive-by-Wire-Technik, bei der zum Beispiel die Lenkung und die Bremsen ohne mechanische Verbindung zwischen den lenkenden Händen und den bremsenden Füßen elektrisch angesteuert verwendet werden. Doch die Erprobung dieser Technik steht beim VRC nicht im Vordergrund – das ist vor allem die Variabilität der Karosserie. Und damit steht das Auto einzigartig dar, bis heute nicht übertroffen.

Quelle: Daimler AG


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