Am 29. November 1982 steht die automobile Fachwelt Kopf. Auf der Bühne erscheint die dritte Mercedes-Benz Modellreihe in Form des lang erwarteten kompakten Mercedes-Benz 190/190 E. Eine Sensation, wie sich herausstellt, denn dieser Mercedes ist in Sachen Design, Fahrwerk, Motor und Leichtbau entschieden anders als seine Markenbrüder, der so genannten „Mittleren“ Mercedes-Klasse und der S-Klasse. Heute heißen sie einfach C-, E- und S-Klasse.

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Herausragend – und für Puristen verwirrend – ist das geradezu avantgardistische Design mit der deutlich keilförmigen und im Detail kantigen Linie, hohem Heck und fast senkrechter Abrisskante. Techniker fasziniert der sehr günstige cw-Wert, die Dämpferbein-Vorderachse und vor allem die neue Raumlenker-Hinterachse, mit der ein neues Kapitel in Sachen Fahrdynamik, Fahrsicherheit und Fahrkomfort beginnt. Und dann sind die Neuen auch noch schnell. Der Mercedes-Benz 190 erreicht fast die 200 km-Marke, der 190 E knackt sie – und das Ganze zudem recht sparsam.

Dass es nicht bei diesen beiden Modellen bleibt, ist in eingeweihten Kreisen nur eine Frage der Zeit. Schließlich wäre ein Diesel angebracht und vielleicht auch eine sportliche Version. Die Erwartungen werden nicht enttäuscht. 1983 debütieren auf der IAA in Frankfurt der 190 D und der sportliche 190 E 2.3-16.

Der 190 D bietet nicht nur einen höchst temperamentvollen, sondern vor allem den weltweit ersten vollgekapselten Motor mit völlig neuem Geräuschkomfort, und der 190 E 2.3-16 ist der sehnlichst erwartete Hecht im Karpfenteich. Sein erster Auftritt freilich findet in Italien statt, genauer auf der süditalienischen Hochgeschwindigkeits-Versuchsstrecke in Nardo nahe Lecce.

Das Debüt des 190 E 2.3-16
Neue Mercedes-Benz Modelle haben als Prototypen vor ihrem ersten öffentlichen Auftreten bereits eine „Tour der Leiden“ hinter sich, die sie fit machen für ein langes und möglichst störungsfreies Autoleben. Dass der letzte Beweis für eine herausragende Leistungsfähigkeit in aller Öffentlichkeit auf einer Hochgeschwindigkeits-Teststrecke erbracht wird, ist dabei schon etwas ungewöhnlich.

Der neue 2,3-Liter-Vierzylindermotor des 190 E 2.3-16 mit zwei oben liegenden Nockenwellen ist der erste Vierventiler in einem Serien-Mercedes. Sein Leichmetall-Zylinderkopf, entwickelt in Zusammenarbeit mit der britischen Firma Cosworth, hat zwei Nockenwellen, vier V-förmig hängende Ventile pro Zylinder und daher günstige dachförmige Brennräume mit optimal zentral sitzenden Zündkerzen. Die mechanische Benzineinspritzung mit der Bosch KE-Jetronic bietet exakte Gemischdosierung.

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Er leistet 136 kW/185 PS bei 6200 /min und bietet ein Drehmoment von 240 Newtonmetern bei 4500 /min, womit der Wagen in 7,5 Sekunden die 100 km-Marke erreicht und 235 Stundenkilometer schnell ist. Gekoppelt ist er mit einem sportlich abgestimmten Fünfgang-Handschaltgetriebe. Die Hinterachse hat serienmäßig Niveauregulierung.

Das äußere Erscheinungsbild der Karosserie ist den hohen Fahrleistungen entsprechend aerodynamisch modifiziert. Die Schürzen an Bug und Heck sind tiefer heruntergezogen, ein kleiner Flügelspoiler am Heck sorgt für zusätzlichen Abtrieb, und die gegenüber dem Modell 190 E breiteren Reifen decken Anbauteile an den Radläufen und den Flanken ab. So gerüstet geht er in Serie.

Süditalien, 13. bis 21. August 1983
Drei dieser Serienfahrzeuge, für die „Rekordfahrt mit Zuverlässigkeits-Nachweis“ nur geringfügig modifiziert – die Karosserie liegt 15 Millimeter tiefer, die Bugschürze ist 20 Millimeter nach unten verlängert, der Kühlerventilator ausgebaut und statt der Servolenkung agiert eine mechanische Lenkung – starten am frühen Morgen des 13. August 1983 zu einer 50 000 Kilometer langen Parforcefahrt, die von Autos und Fahrern, Mitarbeitern des Versuchs, sehr viel Stehvermögen verlangt. Um den Bodenabstand der „Nardo-Wagen“ konstant zu halten, verfügen sie auch an der Vorderachse über Niveauregulierung.

Die Rekordfahrbahn in Nardo ist exakt 12,64026 Kilometer lang, hat einen Durchmesser von ca. 4 Kilometern und ist nach außen hin leicht überhöht angelegt. Sie erlaubt ein nahezu seitenkraftfreies Fahren in Geschwindigkeitsbereichen auch jenseits der 240 km/h.

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Die angestrebte 50 000 Kilometer-Marke müsste nach Berechnungen der Ingenieure am Vormittag des achten Tages erreicht werden – vorausgesetzt, es gibt keine Störungen, die Boxenstops verlaufen planmäßig und die sechs Fahrer halten die extreme Belastung durch. Die Rundenzeiten sollten bei 3 min. 5 sec. liegen, um das Ziel von durchschnittlich 240 km/h einschließlich Boxenstops zu erreichen. Der günstige cw-Wert von 0,30 lässt ein noch etwas höheres Tempo als das der Serienwagen erwarten.

Alle zweieinhalb Stunden dient ein 20-Sekunden-Stop der Fahrerablösung und dem Nachtanken. Alle 8500 Kilometer sind die stark strapazierten Hinterräder fällig, alle 17 000 Kilometer die vorderen. Bei diesen 5-Minuten-Pausen werden auch Öl- und Ölfilter ausgetauscht sowie das Ven¬tilspiel kontrolliert. Um bei Tage die Scheinwerfergläser vor Verunreinigungen und Beschädigungen zu schützen, tragen sie Kunststoffkappen, die Kühlermaske ist mit einem schnell zu wechselnden Insektengitter abgedeckt, um Verstopfungen des Kühlers zu vermeiden.

Drei Weltrekorde, neun internationale Klassenrekorde
Nach 201 Stunden, 39 Minuten und 43 Sekunden stehen bei zwei der Wagen 50 000 Kilometer mehr auf den Tachometern. Die entsprechend dem Reglement mitgeführten Ersatzteile wurden nicht benötigt, denn die Wagen liefen trotz der extremen Beanspruchung absolut störungsfrei. Beim dritten Wagen sorgte ein gebrochener Verteilerfinger – ein Pfennigartikel, den die Boxenmannschaft nicht austauschen durfte, sondern „flicken“ musste – für eine Drei-Stunden-Pause.

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Der Neuling Mercedes-Benz 190E 2.3-16 hat die in ihn gesetzten Erwartungen vollauf erfüllt, wird im September auf der IAA in Frankfurt ein Publikumsmagnet und ein Renner in der Gunst der Käufer.
In der Folgezeit bildet der „16Ventiler“ für Jahre die solide Grundlage für die höchst erfolgreichen Mercedes-Benz Renntourenwagen in der DTM, der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft.

Weltrekorde
25 000 km 247,094 km/h
25 000 Meilen 247,749 km/h
50 000 km 247,939 km/h

Internationale Klassenrekorde
1000 km 247,094 km/h
1000 Meilen 246,916 km/h
5000 km 246,914 km/h
5000 Meilen 246,729 km/h
10 000 km 246,826 km/h
10 000 Meilen 246,839 km/h
6 Stunden 246,798 km/h
12 Stunden 246,628 km/h
24 Stunden 246,713 km/h

Quelle: Daimler AG