Nichts wird dem Zufall überlassen, als Mercedes-Benz sich Ende 1956 dazu entscheidet, zwei 300 SLS Tourensportwagen für die kommende Sportwagenmeisterschaft der Vereinigten Staaten von Amerika aufzubauen: Der im Jahr 1957 neu erscheinende 300 SL Roadster (W 198) bildet die Basis für die Rennfahrzeuge.

Einer der 300 SLS entsteht aus einem Versuchswagen, der komplett zerlegt, überholt, umfassend gewichtsoptimiert und wieder montiert wird. Das zweite Fahrzeug wird neu gebaut und schon bei der Montage ebenfalls gewichtsoptimiert. Durch die Summe der Feinarbeiten sinkt das Leergewicht des 300 SLS gegenüber den 1.330 Kilogramm wiegenden Seriensportwagen um rund 400 Kilogramm auf nur noch gut 900 Kilogramm. Die Maßnahme lässt sich schon an der Typbezeichnung ablesen: Das Kürzel SLS steht für „ Super-Leicht-Sport“.

Zu den Modifikationen beider Wagen gehören neben dem 173 kW (235 PS) starken Aluminiummotor (Serienausführung: 158 kW/215 PS) unter anderem auch maßgeschneiderte Tanks und ein optimiertes Fahrwerk. Äußerlich ist der 300 SLS sofort an den fehlenden Stoßstangen, einer speziell geformten Cockpitabdeckung mit Lufteinlassschlitz, der schmalen Renn-Windschutzscheibe sowie dem Überrollbügel hinter dem Fahrersitz zu erkennen. Der Aufwand von Mercedes-Benz für den Aufbau des Tourensportwagens ist notwendig, weil der neue 300 SL Roadster für die Saison 1957 vom Sports Car Club of America (S.C.C.A.) noch nicht für den Start in der Kategorie der Produktionssportwagen homologisiert werden kann: Dazu müssten mindestens 150 Exemplare eines Fahrzeugs gebaut sein. Deshalb startet Paul O’Shea in der Saison 1975 in der freien Sportwagen-Kategorie „D modified“.

Vom Hockenheimring in die USA

Tests der fertigen Tourensportwagen finden auf dem Hockenheimring in den ersten Apriltagen 1957 statt. Danach werden die beiden Fahrzeuge am 12. April 1957 per Schiff nach New York transportiert. In den USA werden sie vom Stuttgarter Service-Ingenieur Victor R. Gross betreut. Dieser berichtet am 1. Mai 1957 an den Mercedes-Benz Rennleiter Alfred Neubauer, dass beide Fahrzeuge samt Teilen – unter anderem fünf Aluminiummotoren – gut angekommen seien. Zum endgültigen Einfahren und um Paul O’Shea mit dem neuen Rennwagen vertraut zu machen, mietet Mercedes-Benz den Kurs Lime Park in Connecticut. Bereits bei diesen Trainingsfahrten erreicht O’Shea mit dem 300 SLS Zeiten, die unter denen der konkurrierenden Jaguar liegen. „Der Wagen wurde bei dieser Gelegenheit nicht ganz ausgefahren“, berichtet Victor R. Gross sichtlich zufrieden nach Stuttgart.

Dritter Titel in Folge für O’Shea

O’Shea startet bei insgesamt 22 Rennen in der Saison. Der erste Lauf findet am 18. und 19. Mai 1957 in Cumberland (Maryland) statt, das Finale ist am 16. und 17. November 1957 in Riverside (Kalifornien). O’Shea gewinnt die Meisterschaft der Klasse „D modified“ mit 11.400 Punkten. Zugleich erzielt er die höchste Punktzahl aller Fahrer der S.C.C.A.-Meisterschaft 1957 überhaupt und wird so zum dritten Mal in Folge von den nordamerikanischen Motorsport-Fachmedien als US-Sportwagenmeister gekürt. Es ist das erste Mal in der Geschichte des S.C.C.A., dass dieser Titel dreimal in Folge an den selben Fahrer geht.

Die Ära des 300 SLS endet nach nur einer Saison, danach zieht sich die Stuttgarter Marke von den Sportwagenrennen zurück. Im 21. Jahrhundert lebt diese Tradition durch die erfolgreichen Kundensport-Fahrzeuge von Mercedes-AMG wieder auf. 2011 hat der Mercedes-Benz SLS AMG GT3 (C 197) Premiere, der nach dem Reglement der Gruppe GT3 für Gran Turismo der Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) aufgebaut wird. Sein Nachfolger ist der Mercedes-AMG GT3 (C 190), der seit 2015 angeboten wird. 2017 hat schließlich der Mercedes-AMG GT4 (C 190) Premiere, der nach dem Reglement der Gruppe GT4 der SRO Motorsports Group aufgebaut wird.

Quelle: Daimler AG