Gorden Wagner ist der Chefdesigner der Daimler AG und damit nicht nur für das Design der Pkw sondern auch der Nutzfahrzeuge verantwortlich. Er arbeitet seit 1997 bei der Daimler AG und leitet seit Mitte 2008 den weltweit tätigen Designbereich des Unternehmens. Im jähr 2009 wurde unter seiner Führung die neue Design-Strategie für Mercedes-Benz entworfen und Schritt für Schritt mit den neuen Modellen auf den Markt gebracht. Stillstand ist Rückschritt im Designbereich und deshalb wird die Design Strategie auch kontinuierlich weiterentwickelt.

Das jüngste Produkt dieser neuen Formensprache ist das E-Klasse Coupé – welches mit deutlich reduzierten Sicken und Kanten auf der Straße steht. Im folgenden Interview erzählt der Designer über die Mercedes-Benz Designphilosophie:

Herr Wagner, was sind die größten Herausforderungen, wenn man ein Auto entwirft?
Zum einen leben wir als Designer in der Zukunft und müssen jeden Tag visionär und innovativ denken und gestalten. Das ist sicherlich eine unserer spannendsten Herausforderungen. Zudem ist die Komplexität der Fahrzeuge gestiegen. Dadurch sind die Anforderungen an alle Designbereiche höher, es sind neue Disziplinen hinzugekommen und eine immer größere Vernetzung der Teams ist erforderlich. Zum anderen ist es das Zusammenspiel aus Design, Entwicklung und Produktion. Das ist ein großes Spannungsfeld, in dem die Designer sich bewegen. Hinzu kommt das Thema Langlebigkeit: Unsere Antworten müssen wir zwar heute formulieren, sie müssen aber auch noch in zehn Jahren gelten.

Woher wissen die Designer denn, was in einigen Jahren angesagt sein wird?
Wir alle laufen mit offenen Augen und Ohren durch unseren Alltag und nehmen Inspirationen auf, wo immer wir sind. Zudem haben wir weltweit fünf Mercedes-Benz Advanced Design Studios. Mit ihnen haben wir die globalen Entwicklungen im Blick: Welche Trends gibt es, wie verändern sich die Ressourcen, welches gesellschaftliche und ökonomische Umfeld ist zu erwarten?

Kann man auf einen Punkt bringen, was gutes Design ist?
Für mich muss gutes Design schön und intelligent sein. Genau diese beiden Pole verbindet Mercedes-Benz mit der Designphilosophie der Sinnlichen Klarheit.

Braucht gutes Design auch Mut?
Natürlich, und es braucht insbesondere mutige Entscheidungen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass unsere Vorstände Car Guys sind und der Kompetenz und Erfahrung des Designteams vertrauen. Wir müssen die Kreativität und den Mut aufbringen, uns ständig weiterzuentwickeln und bisherige Grenzen zu überschreiten.

Was genau verstehen Sie unter Sinnlicher Klarheit?
Sinnliche Klarheit ist die Definition von modernem Luxus. Ziel unserer Designphilosophie ist es, klare Formen und sinnliche Flächen zu erzeugen, die Hightech inszenieren und zugleich Emotionen wecken. Unser Design muss hot und cool sein. Hot bedeutet, sich in etwas zu verlieben, es ist emotional und unwiderstehlich. Auf der anderen Seite ist cool sehr technoid und reduziert, etwas komplett Neues, noch nie zuvor Gesehenes, das überrascht. So erschaffen wir nicht nur Automobile, sondern eine Welt des modernen Luxus.

Und wie hat es Mercedes-Benz geschafft, führend im Design zu werden?
Wir schaffen neue Formen, die keiner erwartet. Wir zeigen, dass man mit avantgardistischen Ideen begeistern und dem Geist einer über 130 Jahre alten Marke trotzdem treu sein kann. Das Design von Mercedes-Benz hat sich von einem traditionellen zu einem modernen Luxus hin entwickelt und das ist sicherlich einer der Erfolgsfaktoren. Hinzu kommt, dass wir eine unglaubliche Entwicklung im Interieur vollzogen haben. Hier überzeugt das gekonnte Zusammenspiel von Form, Material und Farbe und vor allem auch perfekter Qualität und Präzision.

Wie geht es weiter?
Den nächsten Schritt bei der Weiterentwicklung unserer Designsprache zeigt das sportlich-exklusive E-Klasse Coupé. Es verkörpert mit perfekten Proportionen ein puristisches, flächenbetontes Design mit reduzierten Linien sowie sinnlichen Formen. Diese reduzierte Formensprache ist „hot“ und „cool“ zugleich.

Beim Pkw ist Design einer der Hauptkaufgründe. Wie ist es bei Nutzfahrzeugen, ist da das Design nicht eher zweitrangig?
Sie haben Recht. Bei Nutzfahrzeugen sind die Kosten der zentrale Faktor. Dennoch ist Design auch dort ein Kaufgrund, der unterschwellig durchaus den Ausschlag bei der Entscheidung geben kann. Vor allem das Interieur mit den Bedieneinheiten ist für die Kunden wichtig. Unserem holistischen Ansatz zufolge muss ein Nutzfahrzeug genauso glaubhaft die Werte einer Marke verkörpern wie ein Pkw.

Sie verantworten nicht nur das Design von Mercedes-Benz Pkw, sondern aller Marken der Daimler AG, vom smart bis zu den Nutzfahrzeugen?
Ja, wir verantworten die Gestaltung sämtlicher Marken und Produkte des Unternehmens – von der A-Klasse bis zum Actros, unseren smart sowie das Corporate Design aller Konzernmarken. Mit diesem ganzheitlichen Design gestalten wir alle Berührungspunkte, an denen unsere Kunden mit dem Unternehmen in Kontakt kommen, und schaffen gleichzeitig ein Gesamterlebnis.

Corporate Design geht ja weit über die Gestaltung von Fahrzeugen hinaus. Wo ist da der Zusammenhang?
Unser Fokus ist ein holistischer Gestaltungsansatz – ein konsistentes Erscheinungsbild, wo immer Kunden und die Öffentlichkeit dem Unternehmen begegnen. Denn Design prägt ganzheitlich die Marken und erst ein ganzheitlicher Gestaltungsansatz ermöglicht den perfekten Auftritt. Unser Anspruch, vor allem bei unserer Kernmarke Mercedes-Benz, ist, dass wir als internationales Luxuslabel wahrgenommen werden. Und Luxus ist für mich nicht nur ein automobiles Statement, sondern auch ein Lebensstil.

Was inspiriert Sie persönlich?
Ich bin sehr viel unterwegs und nehme so an den unterschiedlichsten Orten die künstlerischen und gesellschaftlichen Trends auf. Das Kennenlernen von spannenden Orten und Gespräche mit interessanten Menschen sind die größten Inspirationsquellen für mich. Aber auch Kunst und vor allem Architektur sind sehr inspirierend. Beispielsweise das Bauhaus. Die Reduktion auf das Wesentliche ist faszinierend und Purismus ist auch Teil unserer Philosophie. Ein anderes Beispiel sind die kinetischen Entwürfe von Zaha Hadid, diese sind hochinteressant, da sie oftmals technisch zunächst nicht realisierbar waren und so das Design die Ingenieure zu neuen Lösungen getrieben hat. Man darf sich keine zu engen Grenzen setzen.

Quelle: Daimler AG