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Mercedes-Benz 190 SL (Baureihe W 121, 1955 bis 1963) – Verlockend und komfortabel
von Philipp Deppe | 2.April 2010
Die Geschichte des Mercedes-Benz 190 SL beginnt mit Maximilian Hoffman. Er ist in New York seit 1952 offizieller Importeur der Marke Mercedes-Benz für den US-Markt. Als das Unternehmen ihm Anfang September 1953 zwei Ideen vorstellt, erkennt er deren Verkaufspotenzial für die USA:
Das Rennsportcoupé vom Typ 300 SL (Baureihe W 194) als Serienfahrzeug zu bringen und diesem zugleich einen offenen Tourensportwagen zur Seite zu stellen.
Damals ist Daimler-Benz mit Konstruktions- und Entwicklungsaufgaben zwar vollauf eingedeckt – für Serienfahrzeuge und auch zur Rennsportsaison 1954, für die der neue Formelrennwagen der Baureihe W 196 R vorgesehen ist. Aufgrund der Arbeitsbelastung setzen die Stuttgarter sogar die für 1953 geplante Teilnahme an Sportwagenrennen aus. Die neuen SL erhöhen also den Druck, doch sie sind wichtig für das Image von Mercedes-Benz – die 1950er Jahre sind Aufbruchjahre in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und reizvoll sind die Fahrzeuge zudem, weil im Mercedes-Benz Programm sportliche Autos fehlen. Bereits Mitte September 1953 fällt der Vorstand deshalb die Entscheidung: Die Straßenversion vom Typ 300 SL (W 198 I) kommt und gleichzeitig ein kleinerer offener Sportwagen, der Typ 190 SL (W 121).
Rund fünf Monate nach dem Beschluss sollen der Supersportwagen und der Tourensportwagen ihre Premiere feiern – in Amerika, auf der International Motor Sports Show in New York, die dort vom 6. bis 14. Februar 1954 stattfindet, damals die wichtigste Automesse jenseits des Atlantiks. Das bedeutet, dass den Ingenieuren sehr wenig Entwicklungszeit bleibt. Eile ist also geboten: Schon wenige Tage nach der Vorstandsentscheidung für beide Fahrzeuge prüft das Direktorium von Daimler-Benz die ersten Entwürfe, und weitere zwei Wochen später können sie das erste Modell im Maßstab 1:10 beurteilen, dem acht Wochen danach ein 1:1-Modell folgt. Und das Entwicklungstempo nimmt an Rasanz noch zu. Die Bodengruppe, vom Mercedes-Benz 180 stammend, muss den neuen Vorstellungen angepasst und der richtige Motor gefunden werden. Außerdem schreibt der enge Terminplan vor, dass die Konturen für die Klopfhölzer, auf denen die Karosserie entstehen wird, bis 31. Oktober 1953 endgültig festliegen. Der Wettlauf mit der Zeit gelingt: Mercedes-Benz erlebt auf der Show eine enorm positive Resonanz auf beide Fahrzeuge.
Bis zum damaligen Zeitpunkt hat es die Karosserie verschiedener Typen auch in der zweisitzigen A-Ausführung als Cabriolet, Roadster und Coupé gegeben, zuletzt den Mercedes-Benz 220 Cabriolet A (W 187). Diese Aufbauvariante wird laut Chefingenieur Fritz Nallinger künftig von den SL-Fahrzeugen ersetzt, und zwar ausdrücklich nicht mehr in der bisherigen konventionellen Linien- und Kühlergesichtausführung, sondern in der SL-Ausführung, somit inklusive Zentralstern im Kühlergrill – ein Paradigmenwechsel in der Modellstruktur. Damit ist der Typ 190 SL das Symbol einer neuen Produktphilosophie und Urvater der SL-Klasse.
Zunächst beginnt im August 1954 im Werk Sindelfingen die Serienproduktion des Mercedes-Benz 300 SL. Der Typ 190 SL hingegen wird noch einmal gründlich überarbeitet. Denn das Fahrzeug von der International Motor Sports Show in New York ist weder technisch erprobt noch stilistisch ausgereift. Im März 1955 präsentiert Daimler-Benz dann auf dem Automobilsalon Genf die endgültige Ausführung des Tourensportwagens. Der Karosserieentwurf stammt von Walter Häcker, er ist eng an das Flügeltüren-Coupé 300 SL angelehnt, jedoch hat der Typ 190 SL im Gegensatz zu diesem ein versenkbares Verdeck. Die Serienkarosserie zeigt im Vergleich zum Showcar deutliche Unterschiede: Die stilisierte Ansaughutze auf der Motorhaube ist entfallen, die Vorderkante der Motorhaube nach hinten verlegt, auch über den hinteren Radausschnitten gibt es Lanzetten, und die Stoßstangen, Blinker und Rückleuchten sind modifiziert. Das Werk Sindelfingen produziert die Vorserie bereits seit Januar 1955. Die Hauptserie läuft im Mai an.
Eine Karosserie ganz im Stil der 1950er Jahre
Der Typ 190 SL ist technisch verwandt mit den „Ponton“-Limousinen der Baureihe W 120/121, wie sie wegen der charakteristischen Karosserieform landläufig genannt werden. Er trägt die interne Bezeichnung W 121, die der 1956 erscheinende Typ 190 ebenfalls erhält. Von vornherein ist der Typ 190 SL als zweisitziges Cabriolet ausgelegt.
In den 1950er Jahren verschiebt sich die Bedeutung der Gattungsbezeichnung Roadster. Klassischerweise ist er ein recht spartanisch ausgestatteter, sportlicher Zweisitzer beispielsweise mit Steckscheiben und abnehmbarem Stoffverdeck inklusive Dachgestell. Doch die Komfortansprüche der Kunden sind gestiegen, und dem trägt der Tourensportwagen Mercedes-Benz 190 SL Rechnung. Obwohl er also im klassischen Sinn kein Roadster ist, wird er in der Lesart des Hauses so bezeichnet.
Im Gegensatz zum Typ 300 SL ist er auch nicht als reinrassiger Sportwagen, sondern als sportlich-elegantes zweisitziges Reise- und Gebrauchsauto konzipiert. Drei Versionen gibt es: einen Wagen mit Stoffverdeck (Preis Februar 1955: 16 500 DM) sowie ein Coupé mit abnehmbarem Hardtop, wahlweise mit oder ohne Stoffverdeck (Preis September 1955: 17 650 DM/17 100 DM). Zum Vergleich: Der Typ 300 SL kostet im Jahr 1954 29 000 DM, und die Limousine vom Typ 180 steht 1954/55 mit 9450 DM in der Preisliste. Auf Wunsch kann im Fond ein dritter Sitz quer zur Fahrtrichtung untergebracht werden.
Die Fachpresse lobt den Typ 190 SL unter anderem für seine sicheren Fahreigenschaften. Dafür sorgt unter anderem die bereits vom Typ 220a bekannte Eingelenk-Pendelachse mit tief gelegtem Drehpunkt. Die Vorderradaufhängung einschließlich des Fahrschemel-Konzepts hat man vom Typ 180 übernommen, von dem auch die Bodengruppe stammt, die freilich verkürzt ist.
Neu entwickelt ist der 1,9-Liter-Ottomotor mit der Nummer M 121 B II. Das Vierzylinder-Aggregat hat eine oben liegende Nockenwelle und gilt als Urvater einer ganzen Motorenfamilie. Im Mercedes-Benz 190 SL leistet es 77 kW bei 5700/min und beschleunigt das Fahrzeug in der Variante mit Stoffdach in 14,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt respektable 170 km/h – damit gehört man auf den Straßen der 1950er und 1960er Jahre zu den Schnellsten. Der Benzinverbrauch wird mit recht moderaten 8,6 Litern angegeben, der 65-Liter-Tank sorgt für eine angemessene Reichweite.
Während seiner Produktionszeit erfährt der Typ 190 SL zahlreiche Detailverbesserungen. Deutlich erkennbar sind die breiten Chromleisten am oberen Türabschluss (Einführung März 1956) und größere Rückleuchten (Juni 1956, wie auch bei den Typen 220a, 219 und 220 S verwendet). Im Juli 1957 wird die hintere Kennzeichenbeleuchtung in die Stoßstangenhörner verlegt, um die Montage der seinerzeit eingeführten breiten Kennzeichenschilder zu ermöglichen. Damit gehören die hinteren Stoßstangenhörner zur Grundausstattung, vorn sind sie gegen Aufpreis erhältlich; die USA-Ausführungen hatten sie schon immer rundum serienmäßig. Von Oktober 1959 an sorgt ein neues Hardtop mit größerer Heckscheibe bei den Coupés für eine deutlich bessere Sicht nach hinten. Im August 1960 wird das Schloss des Kofferraumdeckels geändert, gleichzeitig ersetzt ein Muschelgriff den zuvor verwendeten Bügel. 1963 läuft der letzte Mercedes-Benz 190 SL aus der Fertigungshalle. Insgesamt werden es 25 881 Exemplare. Die meisten davon gelangen in die USA – Max Hoffmans Rechnung ist aufgegangen.
Eine Sportvariante des Mercedes-Benz 190 SL
In den ersten Prospekten ist eine Sportvariante des Typ 190 SL dargestellt: Türen aus Leichtmetall, kleine Renn-Windschutzscheibe aus Plexiglas, Entfall von Verdeck, Stoßstangen, Wärmetauscher und Dämmmaterial lassen ihn nur rund 1000 Kilogramm wiegen, etwa 10 Prozent weniger als die übliche Straßenversion. Die gebaute Stückzahl ist nicht dokumentiert, wenige Sportausführungen gelangen in Kundenhand; sie dürften zudem durch Modifizieren des Vierzylinders, Tieferlegen der Karosserie, Sport-Stoßdämpfer und geänderte Federn weitere Feinarbeit erfahren haben. Seinen größten Erfolg erzielt der Sport-190 SL im Jahr 1956 beim Sportwagen-Grand-Prix von Portugiesisch Mação, eingesetzt vom damaligen Daimler-Benz Importeur aus Hong Kong. Der rechtsgelenkte Sportwagen belegt Platz 1 vor einem Ferrari Mondial und verschiedenen Jaguar und Austin-Healey. Im gleichen Jahr erringt der Mercedes-Benz Generalimporteur von Marokko beim Großen Preis von Casablanca einen Klassensieg (GT-Klasse bis zwei Liter Hubraum). Aufgrund von Rennsportbestimmungen wird die Idee des Sport-190 SL allerdings nicht weiter verfolgt: Das wie beschrieben modifizierte Fahrzeug würde bei vielen Wettbewerben als Seriensportwagen eingestuft werden und wäre damit chancenlos. Zudem verhindert ein Beschluss der Rennbehörde FIA (Fédération Internationale de l’Automobile) eine Einstufung als GT-Fahrzeug, demzufolge sich auch ein Gran Turismo vollständig schließen lassen muss – eine Bedingung, die der umgerüstete Typ 190 SL nicht erfüllen kann.
Der Mercedes-Benz 190 SL in der Presse
Kurz nach der Präsentation des Mercedes-Benz 190 SL auf der International Motor Sports Show in New York schreibt „auto motor und sport“, Deutschland, Heft 3/1954: „Der Mercedes 190 SL ist ein eleganter und schneller Tourensportwagen, der sich als ganz normales Gebrauchsfahrzeug für den Alltag verwenden lässt, aber auch die Möglichkeit bietet, auf sportlichen Veranstaltungen kleineren Stils mit Erfolg benutzt zu werden. [...] Wie beim 300 SL hat Mercedes auch für dieses neue Modell auf den traditionsgeheiligten Kühler verzichtet. Die sehr harmonische Vorderpartie zeigt indes, dass man eine vornehm-distinguierte Linie sehr wohl erreichen kann, ohne die Attribute der Mode sowohl wie der Zweckmäßigkeit hintanzustellen.“
Im Jahr 1960 veröffentlicht „auto motor und sport“, Deutschland, Heft 15/1960, einen ausführlichen Testbericht zum Mercedes-Benz 190 SL: „Seinen guten Ruf verdankt der 190 SL nicht nur seinem eleganten Aussehen. sondern ebenso seiner Robustheit und Zuverlässigkeit und seinen sauberen Fahreigenschaften. Die gute Verarbeitung von Karosserie und Roadsterverdeck verdient besondere Erwähnung.“
Quelle: Daimler AG
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